Frühling

Ich habe mal wieder keinen Preis gewonnen. Diesmal mit einem Text über Eintagsfliegen, anal bleaching, asiatische Geheimnisse, einen tanzenden Obdachlosen, einem kumpeligen Chefredakteur und Dich. Ja, Du kommst auch vor. Aber wie Du es gewohnt bist, erst ganz am Schluss. Als Allerletztes.

Anne, 23

aschblond, aschfahl, übervolle Aschenbecher.

Ein Bein, noch eins, kein Ziel. Zwei Arme, ein Mund, Haare, Ohren, Augen, alles umsonst. Einzelteile, die Zeit verbringen. Können sie weder totschlagen noch sonst irgendwas heroisches, was weiße Menschen mit Zeit so machen. Sind alles bloß nutzlose Einzelteile deren Summe einen weiteren doofen Körper ergeben. Ein Körper der 12 Stunden auf dem Sofa verbringt und die anderen 12 im Bett. Drum herum nutzlose 36 Quadratmeter Wohnung und eine hässliche Stadt. So eine wie alle größeren Städte, mit Grau und braun und Farben, die das verdecken sollen.
Anne will nichts, Anne braucht nichts, Anne tut nichts.
Wozu.

Anne sitzt da und wartet, dass es sie holt. Irgendwann muss es einfach aufgeben, das Leben. Na schön, wird es sagen. Ich sehe es ein, du hast es längst kapiert. Stimmt, Anne, Menschen sterben. Das war’s. Punkt. Mehr ist da gar nicht rauszufinden. Und dann müsste Anne vielleicht noch an einem Glücksrad drehen oder sich ein Tor aussuchen und dann endlich Schluss mit dem Theater. Ich hab’s durchschaut du kannst mich holen, denkt Anne noch einmal, ein bisschen lauter, aber nix passiert. Also weiter warten auf den Showdown.

Und jetzt, bitte!

Hat noch nie funktioniert.
Und das ganze jetzt noch so gut fünfzig Jahre. Mindestens. Passiert ja nichts Lebensgefährdendes auf einem Sofa. Eine Eintagesfliege fliegt vorbei. Eintagsfliege müsste man sein, denkt Anne.

Eintagsfliege, 1 Tag

Nee, müsste man nicht, würde die Fliege denken. Ist heute irgendwo von einer Larve zur Fliege geworden, weiß sie selbst nicht mehr, wo das war und ausgerechnet heute regnet es. Irgendwo in Annes Wohnung ist ein Fenster offen und da fliegt die Fliege durch. Wozu weiß sie jetzt auch nicht. Irgendwo müssen die Männchen sein und die müssen ihr die Eier befruchten. Dazu. Hat die Fliege überhaupt keinen Vertrag mit, ist aber so. Kann mensch sich ganz schnell ausrechnen. Da draußen gibt es 3.456.000 Regentropfen, jeder von ihnen zweimal so groß wie die Fliege. Und das war es dann auch schon. Von wegen ein Tag. Von wegen Zweck erfüllt. Von wegen besser so als menschlich. Wenn die Fliege so was könnte, würden sie denken: Mir ist kalt.

Der Tropfen ist viermal ihr Körpergewicht und schon liegt sie auf dem Balkon von Dörte.

Dörte, 45

dunkler Ansatz, dunkelblond, dunkle Ringe unter den Augen

Müsste mal langsam den Frühling auf ihren Balkon zaubern, denkt sie im Vorbeirennen. Mit Samen und Töpfen und Humus und Liebe. Und dann die Fenster putzen. Hat sie aber keine Zeit zu. Hat jetzt schon alle ihre Kleidungsstücke angezogen und keins davon hat etwas daran geändert, dass Dörtes Körper erbärmlich ist. Gucken überall die Knochen raus und trotzdem alles wabbelig und hässlich. Dörte hat mehr gehungert als irgendwas anderes in ihrem Leben, bewegt sich ständig, aber nichts hilft. Alles bleibt so hässlich wie es ist, egal was Dörte darüber anzieht oder draufpinselt. Und dabei muss das alles noch irgendwie befruchtet werden. Nur findet sich niemand, der bereit dazu wäre und wundert Dörte ja auch nicht einmal. Früher hat sie noch gedacht, dass sie ein Recht darauf hätte. Aber nur weil die Männer ein Recht auf Sex haben, haben die Frauen ja noch lange kein Recht darauf, dass ihnen irgendwas davon bleibt. Muss schnell los, zu ihrem Therapeuten. Wenigstens ein Mann ist gezwungen ihr zuzuhören. Dafür bekommt er schließlich sein Geld, dass er die Erbärmlichkeit aller anderen ertragen muss. Wenn es echte Väter gäbe, so wie Dörte sich das ausmalt, dann müsste das einer ganz umsonst über sich ergehen lassen. Aber die Dörte hat keinen Vater. Der ist im Knast gestorben oder so. Woher soll Dörte das wissen?!

Dörte bemitleidet sich selbst to go.

Überall textile Verräter in der Wohnung verteilt, ein fahles Gesicht im Flurspiegel, das Treppenhaus voller Flecken an den Wänden, die Briefkästen vollgestopft mit Rechnungen, die kein Mensch bezahlen kann, die Straßenbahn voller anderer Menschen, für die alles ganz leicht ist. Vor allem diese scheiß Blondine mit dem Buch. Hält sich definitiv für was Besseres und hat damit vermutlich sogar Recht.

Vera, 33

echtes Schwedenblond, superkurz, fast durchsichtige blaue Augen

hat ein Buch in der Hand und den Blick darin (Vera ist was Besseres als die anderen, deren Köpfe in ihren Handys stecken). Vera liest nicht. Sie hat ein Gefühl. Beim Einsteigen haben sich kurz ihre Blicke getroffen und ja zueinander gesagt. Sie hat ihm den Rücken zugedreht. Er hat wichtige Sachen in sein Telefon gebrüllt.

Business Development – Cash Performance – geiler Scheiß !

Ist aufgestanden und hat sich hingestellt. Steht jetzt direkt hinter ihr und spricht in ihr Ohr. Groß ist er und riecht nach einem Duschgel für Sportler. Draußen hat der Regen aufgehört und plötzlich ist heller Sonnenschein. Ist ganz normal, das so was passiert, denkt Vera. Wenn die Bahn ruckelt, berührt sein Bauch ihren Rücken und sie weiß, dass er weiß, dass sie weiß, dass er weiß, dass das Absicht ist. Er ist viel zu nah und um sie herum ist ein Energiefeld. Vera glotzt einzelne Buchstaben in diesem Buch an und denkt: Ok, STOP! Die Bahn, ihr Leben, sein Leben und gut ist. Vielleicht ein tödlicher Unfall mit einem Sattelschlepper oder ein umfallendes Gebäude.

Nix fällt um und passiert nichts Außergewöhnliches.

An der nächsten Haltestelle müssen beide umsteigen, aber die Welt um sie herum macht jedenfalls keine Anstalten, sich irgendwie zu verhalten oder zu verändern. Ist alles ganz normal Neukölln und alles ganz normal vollgestopft und steigen Menschen aus und ein und um. So wie Vera. Die gibt ein wenig Gas, um sich von der Treppe noch einmal zu ihm umsehen zu können. Noch ein bisschen in die Länge ziehen. Gleich ist es wieder vorbei. Nimm dir was du kriegen kannst, wildes Ding! Leben, als ob es einen Sinn ergäbe.
Imitiert den Blick, den die sie aus Pornofilmen kennt und dreht sich um.

… und es müsste theoretisch einen lauten Knall geben, aber das kennt sie schon. So was passiert nicht.

Am S-Bahngleis fährt gerade eine Bahn ein. Vera spürt den Mann in ihrem Rücken. Ist deutlich zu merken, so wie die Luft flirrt. Der soll jetzt nicht diese Bahn nehmen, befiehlt Vera noch einmal und sieht erst auf, als die Bahn davon gefahren und das Gleis leerer ist. Da ist er. Wenn er mich anspricht, hau ich ihm dafür eine rein, verspricht sie dem Kosmos. Soll er lieber blöd in sein Telefon glotzen.

Da steht er, schaut sein Handy an. Checkt kurz, wo sie einsteigt, als die Bahn einfährt, und steigt auch da ein. Erst als sich ein dicker Gärtner zwischen sie stellt in der Bahn und Vera einlullt mit seinem Gestank nach kaltem Rauch, kann sie sich wieder etwas beruhigen. Sie spiegelt sich in einer Scheibe und denkt, dass sie schön aussieht. ’türlich will er sie besamen. Es ist Frühling und sie wie eine leicht geöffnete Knospe.

Sven, 36

seine Freunde nennen ihn Zven, keine Haarfarbe, keine Frisur, aber definitiv Augen: grünblaue Lampen.
In einem sportlichen Aufzug steckt ein sportlicher Geist

macht erst mal ’n Foto von seinen neuen Adidas und lädt es in der Facebookgruppe geile Treter hoch. Iss ganz cool so, dass man den Sitz der S-Bahn sieht auf dem Bild, unterstreicht seine Souveränität. Ich fahr Öffentliche, das hier ist Berlin, ich hab geile Treter. Dreisatz mit Ausrufezeichen im Geiste. Die altmodische Olle mit dem Buch ist eh gerade durch den Gärtner verdeckt, den hässlichen Vogel. Schon irgendwie heißes Material, die mit den Büchern. Die haben so was Geheimnisvolles und keine Freundinnen, denen sie von einem erzählen könnten. Freundinnen von Frauen kann Sven nicht ausstehen. Die machen immer Ärger. Frauen im Allgemeinen. Auf facebook liken die ersten ihrer Art seine neuen Schuhe und schreiben was dazu. Auf Svens Profilbild kann man seinen Sixpack sehen. Auf dem von irgendeiner Stefanie sieht man ihren Arsch. Passen gut zusammen, die Profilbilder, freut sich Sven. Stefanie schreibt: Wow. Stehen dir sicher richtig gut Smilie Daumen hoch Haken Zwinkersmilie Herz und Sven schickt ihr eine PN. Kannzze dir ja mal ansehn wie die mir stehn!

Kurz checken, ob der Gärtner noch da ist. Ist er. Sven hat schon vergessen, wie die mit dem Buch aussieht. Wen interessiert ’s?! Es gibt tausende von Frauen und alle sehen sie am Anfang schön aus. Später hängen sie irgendwann in deiner Bude rum und heulen, dass sie hässlich wären. Sind sie auch, mit ihren verheulten ungeschminkten Augen. Sowas braucht der Sven nicht. Kein Mann kann das gebrauchen. Als die S-Bahn in Schöneweide hält, steht sie auf. Er auch und sie dreht sich wieder zu ihm um auf der Treppe. Ist ja jetzt auch mal gut, denkt Sven und will auf keinen Fall noch einmal mit ihr umsteigen. Holt sich darum erst mal Obst an diesem kleinen Häuschen im Bahnhofsgebäude und sie verschwindet Richtung Tramhaltestelle. Büchermädchen, zisch ab! Sven interessiert sich nicht die Bohne für aufgeschriebene Buchstaben. Zu viel Ewigkeit, zu viel Manifest. Einmal das, sagt er und zeigt auf einen Becher mit Ananas drin.

Cai, alterslos

schwarzes dichtes Haar, schwarze Augen, Aufdruck auf dem T-Shirt: Black ist the new blue

Wenig Interaktion mit den Deutschen. Immer nur: Das da, bitte oder Einmal den Obstsalat. Meistens nehmen sie Obstsalat, weil die Deutschen immer Auswahl brauchen. Sonst könnte Cai auch genau so gut in Vietnam sein. Spricht sowieso nur mit Vietnamesen und mit den ganzen anderen Asiaten, die für die Deutschen alle Fidschis heißen und irgendwie Kommunisten sind. Cai ist keine Kommunistin, Cai ist Inhaberin eines Obststandes im Bahnhof.
Mehr nicht.

Ein paar mal hat Cai mit Deutschen geredet. Sind langweilig. Kennt Cai eine, kennt sie alle. Fragen alle das selbe. Was bedeutet Cai?, fragen sie. Cai heißt Frau. Dann nicken sie und lächeln und Cai geht vietnamesisch einkaufen oder vietnamesisch ihre Kinder erziehen oder vietnamesisch durch die Gegend laufen und vietnamesisches Zeug denken oder vietnamesisch kochen.
Frau. Vietnamesisch. Obststand.

Der Rest ist geheim, denn der deutsche Mann hat das Recht auf geheimnisvolle Asiatinnen.

 Klaus, 62

vor allem rund, gerne Hosenträger, Haare waren mal und werden nun durch einen Schwung dreier Strähnchen imitiert

Sehr geheimnisvoll, die Frau im Obststand. Klaus hat auch so eine. Seine beste Investition. Muss jedem Moment mit dem Mittagessen fertig sein. Ist schon auf dem Weg zu ihr. Die Dame am Obststand würde er auch nicht von der Bettkante stoßen, hohoho.

Das Leben ist einfach, wenn man ein Klischee ist. Alles längst von anderen definiert, muss der Klaus nicht selber denken. Läuft alles wie geschmiert. Muss ja.

Muss ja nicht alles wissen, die Frau. Gegessen wird nicht nur zu Hause. Man kann ja auch nicht jeden Tag Schokoladenpudding …

Obst, aber nicht solches wie das von der Fidschi, und viel junges Gemüse braucht der Mann. Damit er nicht vom Fleisch fällt.

Den Job gibt es nicht mehr. Den haben Computer genommen. Sind zuverlässiger als der Klaus. Computer interessieren ihn selbst nur für Ebay und Sexchat. Weiß die Frau zu Hause alles nicht. Denkt, der Klaus kommt gleich von der Arbeit. Aber der Klaus kommt vom Mädchenbeobachten. Macht er jeden Tag. In Bahnen und Bussen kann man besonders gut unter Röcke gucken, im schnellen Mitte die Fesseln bewundern, in Prenzlauer Berg gibt es viele Brüste. Klaus ist professioneller Mädchenbeobachter. Könnte seiner Frau mal wieder Blumen mitbringen. Grinst, weil er so schlau ist. So sieht das Klaus.

Bettina, 36

alle besonderen Merkmale unecht, ansonsten schlank

Genau so wie dieser Typ, der gerade so dämlich grinst! Genau so stellt sich Bettina immer den Konsumenten vor. Muss erstmal unter dem gesammelten Lebenswerk seinen Pimmel finden und wenn er das Fleisch zur Seite geräumt haben, schaut er auf gar keinen Fall hin. Sollten solche mal! Tun die aber nicht. Dafür ist Bettina ja da. Ist in Ordnung so für sie. Das ist Selbstermächtigung! Wer Bettina will, muss blechen. Und, hoppla, das tun die! Wenn einer im Internet Spenden sammelt, um irgendwelchen Kindern in Somalia eine Schule zu bauen, dann passiert nur wenig, aber als Bettina dazu aufgerufen hatte, ihre neuen Titten zu finanzieren, waren am Ende noch ein anal bleaching, Lippenaufspritzen und Shopping drin. Sie erhält auch zwischendurch viele Geschenke von ihnen. Ihr Vater hat ihr nie irgendwas geschenkt, hat sich alles umsonst genommen, der Mistkerl. Ist hoffentlich tot. Und Vater Staat stößt auch gern hart zu und gibt allen außer Bettina. Den Ausländern und den Frauen, die zum Verhüten zu blöde sind und den ganzen anderen Schwachsinnigen. Echte Menschen findet Bettina eh sinnlos. Ist sie stolz drauf, dass alle immer wieder Unechtheit mit ihr in Verbindung bringen. Normale Körper sind nur zum Sterben zu gebrauchen, stinken und sind hässlich. Bettina selbst wäscht ihren Körper sogar von innen mit speziellen Lotionen. Oder lässt auf Wunsch auch mal Sprühsahne aus ihrem Anus fließen. Echtes Zeug braucht kein Mensch. Kein Bio, keine stinkende Natur, keinen verdammten Baumwollstoff. Bettina doch egal, das mit dem Plastik in den Weltmeeren. Plastik ist noch das beste, was dieses Leben zu bieten hat. Hoppla, was stinkt denn hier so?

Uwe, weiß sein Alter nicht mal selbst

klumpige Hautberge im Gesicht verbergen die Augenfarbe, Dreck die Lücken zwischen den Hautbergen, ist der einzige, der seinen weitreichenden Körpergeruch nicht wahrnimmt.

Es ist jetzt vier Bier. Um vier Bier ist immer ein Schub. Da kommen die ersten von der Arbeit zurück.

Penner!

Kann Uwe sich nicht so richtig vorstellen, wie das ist. Als er noch mit solchen Leuten zu tun hatte, fanden sie das immer schlecht. Irgend so ein ähnliches Wort wie Moloch.

20 Cent!

Noch 60 bis zum nächsten Sterni und noch vier Schlücke drin. „Schön langsam, alter Junge!“, sagt Uwe zu sich selbst. Nach dem Bier ist vor dem Bier und vor dem Bier ist die Hölle. Noch so 250 Flaschen, dann hat Uwe es geschafft. Dann kommt der Tod und nimmt ihn mit. Das wird sicher gut werden. Endlich mal Abwechslung.

Geh ma arbeiten!

Muss Uwe ein bisschen lächeln, wird dann aber doch wieder ganz traurig. Weil es so doof ist, ein Mensch zu sein. Der arbeitet doch, der Uwe.

30 Cent!

Irgendwas macht jawohl jeder, um sein Leben zu töten. Der, der ihn gerade angeblökt hat kloppt irgendwo Steine und Uwe hält den Pegel. Das ist gar nicht so einfach ohne Einkommen.

Bah! Wasch dich mal! Widerlich!

Uwe hat nicht verstanden, was der letzte gesagt hat. Sie sprechen ihn ständig an. Er kann nicht immer zuhören, viel zu beschäftigt. So wie die anderen. Sagen ihre Sachen nur im Vorbeigehen. Alles gar nicht so wichtig.

31 Cent!

Peanuts. Was der Uwe am besten kann, ist vergessen und Bierschlücke kalkulieren. Und das ist anstrengend. Am liebsten würde er mal eine Pause machen. Ein Laster voller Sternburg, eine karibische Insel und zwei Kilo Hasch. So stellt Uwe sich eine Pause vor. Ein bisschen Fummeln und –

80 Cent!

Uwe spürt was Gutes. Kommt aus dem Bauch und kribbelt warm. Breitet sich aus in seine Brust und die Oberschenkel. Die Füße werden ganz leicht. Als müssten die Waden sie auf den Boden drücken, damit sie nicht davonfliegen. Uwe muss tanzen. Das ist schön. Das ist das Leben, denkt er und tänzelt von einen auf den anderen Klumpfuß. Ausfallschritt und fast hingefallen, aber aufgefangen und eben heftiger gehopst. Lächelt selig und wirbelt seinen Geruch durch die Bahnhofshalle. Ist wohl wieder kurz vor seinem Rauswurf durch Sicherheitsleute. Alles zu seiner Zeit.

Haha, du Tanzclown!

Lächelt in die Richtung desjenigen, der ihn angesprochen hat. Weiß, dass sie jetzt in diesem Gedanken verbunden sind, dass das hier das echte Leben ist. Probiert es mit Telepathie und tanzt ein bisschen auf den Angelächelten zu, der auch eine Bewegung macht. Er schüttelt mit dem Kopf und verschwindet.

1 Euro, 80 Cent!

„Danke, Alter!“, ruft Uwe dem schnellen Mann hinterher, der seinen Tanz bezahlt hat. Das ist das Leben! Die Sicherheitsleute kommen aus einer Tür und auf Uwe zu. „Schon gut!“, sagt er lachend, nimmt den letzten Schluck aus seiner Flasche und hebt den Becher vom Boden. Wedelt so mit den Händen Richtung Uniformen. Immer zum Boden hin. Ist ja schon weg, der Uwe. Keine Sorge. Alles wieder sauber.

 

Ralf, 46

Die selbe Brille wie sein Chef, die selben Jeans, das Karohemd lässig hineingesteckt, Sakko, Schwiegermutterkumpel

Mit dem Euro, den er jetzt dem Obdachlosen gegeben hat, hat Ralf heute insgesamt 6 Euro an die Armen dieser Stadt gespendet. Das ist die Angst. Muss jetzt mal ein bisschen die Kröten zusammenhalten, steht doch irgendwie selbst vor dem Aus.

Darf man nicht denken. Erstmal Privilegien checken.

Ralf ist ein weißer Mann in Westeuropa, ist ihm völlig bewusst. Ralf ist auf dem Weg zu seiner Wohnung mit der Dachterrasse und dem Balkon und den 120 Quadratmetern dazwischen. Er hat gelernt, hinter Sätze wie diesen kein ABER zu setzen. Hat ein super Ersatzwort gefunden, das keine provoziert:

Gleichzeitig.

Ralf ist privilegiert. Gleichzeitig hat auch er Angst.
Würde er gerne mal laut aussprechen, geht aber nicht.
In der Redaktionssitzung haben sie heute einen Shitstorm geplant. Junge, attraktive Erfolgsautorin, irgendwas gegen Feminismus. Sind ein paar der Autorinnen durchgegangen, haben Szenarien ersponnen und sich die naivste Autorin ausgesucht. Ralf musste ihr den Auftrag erteilen. Ist zu ihrem Schreibtisch gegangen, hat ihre Fingernägel bewundert und die Tatsache, dass sie mit ihnen schreiben kann, hat väterlich in ihr Mädchengesicht gelächelt und gefragt, wie sie Feminismus findet. Sehr befriedigende Antworten. Weltfremd, faktenlos, meinungsstark. Hat alles freundlich abgenickt und ihr gesagt, dass sie es so aufschreiben soll.

Ralf selbst würde sich einen Feministen nennen, weiß nicht so genau, ob er das darf, gleichzeitig weiß er, dass Neoliberalismus ist und er ein Redakteur bei einer Zeitung. Und müde. Könnte sich gleich hier an den Taxistand legen. Daumen in den Mund und gute Nacht. Die Zeitung liegt im Sterben und ihm fällt auch nichts besseres ein als Hashtags zu produzieren. Der geringste Aufwand mit größten Nutzen ist ein Shitstorm. Dann wird es ganz kurz laut und alle teilen sie deine Artikel und klicken, klicken, klicken. Dabei würde Ralf persönlich ja auch gerne mehr geben. Recherchieren und schreiben wie früher beispielsweise über den Spendenskandal der CDU. Geht nicht mehr. Ralf hat keine Ahnung, wie lange es noch dauert, bis endlich das letzte bisschen Wille abgestorben ist. Kann es nicht abwarten. Geht extra auf twitter, um ein bisschen der Hoffnung abzutöten, spürt aber stattdessen, dass er geil wird und hasst sich dafür. Weil der Artikel schon on ist und die Leserschaft schon wütend und die Menschenfeinde voller kreativer Ausgüsse zum Beitrag.

Hashtag #Schock Hastag #Aufschrei Hashtag #Bitch.

Die Sau wird durch ’s Dorf getrieben.

Er verzieht die Gesichtsmuskeln zu einem Weinen. Kurz. Passiert nichts besonderes in ihm. Gar nicht mehr so viel von der schleimigen Hoffnung. Er freut sich gleich in Ruhe zu onanieren, wenn er zu Hause ist.

 Die Sau, ganz neu

Sind immer neue, geht zu schnell, um sie sich zu merken, Kringelschwänze, panischer Gesichtsausdruck

Die dumme Sau soll Stellung beziehen, die dumme Sau ist eine dumme Sau, wir wollen Köpfe rollen sehen! Wir sind wütend. Die Sau ist hässlich. Die Sau ist schnell und dumm. Redet ganz viel und weiß alles von sich selbst und rennt bescheuert im Kreis herum. Zu Recht! Ist auf der Flucht. Flieht vor uns. Muss sich warm anziehen, die blöde Sau. Dann quiekt das Mistviech. Wirkt panisch. Voll Opfer.

Wenn wir dich erwischen hängen wir Dich am nächsten Laternenpfahl auf.

 

Du

kein Mensch weiß, wer Du bist und wozu.

Baumelst am Laternenpfahl. Hast Deine eigenen Ketten dazu mitgebracht. Du bist so wie alle anderen, nämlich ganz was Besonderes.

Das Abwesen der Literatur

Diesen Text habe ich mich noch nicht einmal getraut, bei Wettbewerben einzureichen. Ein klarer Fall für Wo-die-Angst-ist-ist-der-Weg. Geschrieben im Juni 2014 und just ein hoch aktuelles Hashtag! #Bachmannpreis

Juror Müllermeier ist froh, denn er hat gelacht. Endlich. Seit fünf Stunden hat er sich tödlich gelangweilt und heimlich unter dem Tisch nach der Ursache für all die schlechten Texte gegoogelt. In Blogs wurden Verlage beschuldigt, bei den Verlagen finden sich zu dieser Frage keine Stellungnahmen. Müllermeier ist angestrengt und da tut es gut, auch mal lachen zu können. Er konnte darum sogar wieder zuhören. „Diese erfrischende Menschlichkeit!“, sagt er. „Die literarische Qualität scheint nicht vorhanden, aber das gerade ist der Kniff!“ Müllermeier hat sich Notizen gemacht. Was geschrieben steht ist wahr. Man muss es erklären.

„Liebe ist eine Unmöglichkeit. Das beginnt schon bei facebook. Der Text stellt den brutalen Bezug her zwischen dem Küssen und dem Tod. Der rührende Aufbau, der die Schuld der Frau an diesem Phänomen eindeutig klarstellt, ist ein Kunstgriff par excellence. Gerade, weil es keine Literatur ist, IST ES Literatur!“

Der Moderator nickt zustimmend und gibt ab an Juror Oberbaum.

Der bestätigt, dass die Kunst tatsächlich die Nicht-Kunst ist. „Der Text ist so schrecklich, dass er sich scheinbar selbst nicht aushält. Das ist Understatement!“

Jurorin Fehrmann ist anderer Meinung.

„Der Mann macht sich doch hier zum Zirkuspferd.“ Endlich hat sich etwas im Publikum geregt und IRGENDJEMAND muss diesen Preis ja gewinnen.
„Doch es ist die Sprache der Frau, die der Autor so gut getroffen hat“ ändert sie die Stoßrichtung. „Ihre Sprache folgt keinem brauchbaren Muster. Das ist ja die Komik der Geschichte. Dem Autor ist es gelungen, einen Sprachcode für die Figur zu erfinden, der nicht durchdacht ist. Die Frau redet nur wirres Zeug. Ein Kunstgriff des Autors! Am besten ist der Text, als der Mann die Frau endlich schlägt!“

Das möchte Müllermeier unbedingt auch bekräftigen.

„Ja! Nachdem sie, die Frau Respektive die Liebe, bzw. DIE LITERATUR (!) sich die ganze Zeit entzogen hat, ist sie jetzt plötzlich endlich da und das ist der gute Grund, dass er sie schlägt!“ Das müsste nun wirklich allen klar sein, nachdem die Literatur sich in den letzten Stunden so grausam entzogen hat. Müllermeier hält es für einen guten Punkt. Dieser Text wird das Rennen machen. Endlich ergibt mal etwas einen Sinn in seiner Nachbesprechung. Wer jetzt nicht mehr merkt, dass der Autor den Text in Wahrheit als Metapher für diese Veranstaltung erdichtet hat, dem ist nicht mehr zu helfen! Die Literatur ist weg und wenn sie sich uns zeigen würden, würden wir ihr sofort eine Ohrfeige verpassen und das Thema damit beenden! Ein Meisterwerk!

Fehrmann widerspricht so, dass es so klingt als würde sie zustimmen und Müllermeier erklärt, dass der Text sich ja sogar selbst reflektiert, woraufhin Fehrmann bekräftigt, dass die Metaebene so groß und komplex ist wie ein Sonnensystem. Müllermeier ist so begeistert von seiner eigenen Interpretation, dass er sich bremsen und entschuldigen muss, nachdem er nun erneut das Wort „Literatur“ in den Mund genommen hat und sich soeben zu fragen beginnt, ob er seine eigenen Worte oder den holprig vorgetragenen Text meint.

Jurorin Brinkmann ist dran. „Die Infragestellung des Autors in seinem eigenen Text ist ein Geniestreich! Es ist ein Kommentar zur Unerzählbarkeit von Erzählungen. Die Geschichte selbst will gar keine Geschichte sein! Das sagt doch schon der Titel. Oft ist der Text sehr schlecht konstruiert, aber das kann man ja noch ändern. Alles in allem ist ihm „der Text“ auf eindrückliche Weise gelungen. Das alles ergibt zwar keinen Sinn, aber es ist sehr sexy. Literatur ist sowieso tot, aber Sex ist ein Dauerbrenner!“

Wagner widerspricht.

„Viele Bilder waren mir zu viel. Das war alles an den Haaren herbeigezogen. Und immer diese Frau! Dreißig Jahre lang diese Frau. So reibt der ewige Junggeselle sich auf an sich selbst. Aber auch ich glaube, dass diese ganzen Fehler eine konsequente Reflexion der Literatur sind auf der Metaebene. Und der Titel ist für mich ein Zitat auf den Tod und die Unmöglichkeit des Mittelbaren, also im Grunde eine Ode an das Sterben der großen Literatur“

Er beendet seine Rede mit einem Nicken und erntet Applaus aus dem Publikum.

Burgner übernimmt. Sie freut sich für den Autor, dass er so eine gescheite Leserschaft hat, die in diesem Text wirklich alles finden kann, was sie sich selbst hineinwünscht. Sie sieht nichts von all dem, was die anderen sehen. Sie sieht ein anderes Arbeiten. „Für mich ist das ein Popsong. Wie in dem Text erwähnt einer, der uns viel zu lang erscheint. In solchen Momenten müssen wir dem Künstler vertrauen, denke ich. Ich würde daran also nicht mehr arbeiten lassen. Nur der Künstler kennt den wahren Grund dafür, wieso sein Song so arrangiert ist wie er arrangiert ist. Die Frau im Text nennt den Ich-Erzähler einen Versager und spricht damit eindrücklich das aus, was wir als Lesende über den Autor denken. Es geht eben um die Schwierigkeiten der Kommunikation. Mensch ist nur glücklich, wenn er schläft.“

Für Ingeborg Bachmann gilt das wohl. Der Preis, der ihren Namen trägt, geht an den Autor, der das Fehlen der Literatur am besten beweisen konnte. Blumen werden ihm geschenkt, Kameras auf ihn geschwenkt. Der Autor hält Preis und Blumen weit von sich und vollendet das Bild. Er distanziert sich, wie die Literatur sich entzogen hat und lacht in sich hinein. ‚25.000 Euro’, denkt er ‚25.000!!!’

Die Kameras stürmen auf ihn zu. Er ist der neue Autor. Er ist die Literatur. Er muss jetzt etwas sagen.

„Ich habe keine Ahnung von der Welt!“, zitiert er Sokrates.

„Ich bin kein Leser!“, zitiert er Dieter Bohlen.

„Ich bin schon überall gewesen!“ zitiert er Bon Jovi. Die Menge tobt, die Kameras blitzen. Die Party ist vorbei.

Großstädter und Kaugummis – Episode 2: Die Preisträger

Teil 1 der Triologie war erfolgreicher und findet sich in diesem Büchlein:

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Yeah! – Zähne auseinander – ich fühl’ mich großartig! Ich brauche einen Kaugummi!

„Gib mir mal einen Gummi!“, sage ich zu Gabriel.

Wir lachen. Ich starre auf seine Zähne. Sehen ziemlich geil aus, die strahlenden Dinger! Meine sehn’ genau so geil aus. Unser Freund Paul Dr. Reickmann macht dir solche Zähne. Kannste haben. Kostet aber was. Nix ist umsonst, Baby!

 

„Ich hab Brand wie ein Harzer“, seufzt Gabriel, gibt mir einen Kaugummi aus seiner Brustinnentasche. Wir tauschen. „Flachmann gegen Gummi“, sage ich. Smarte Typen haben einfach mehr Spaß. Isso’.

„Guck ma’ die, Thomas!“ Ich folge Gabriels Arm vom der Schulter über den Finger hinweg – ­ PIOUW! – mein Blick ist wie ein Blitz. Hat die auch gemerkt. Eine Spanierin, würde ich sagen. Enges rotes Kleid. Die will es! Ihre Freunde essen was. Die steht abwartend daneben. Krasse Lippen. Richtig krass.

Gabriels Augen stecken sich in meine.

„Ey, Preisträger“, sage ich „Können wir jetzt vielleicht mal in Ruhe feiern? Freien können wir dann immer noch!“

Ehrlich, Junge! Der war wieder scheiß geil. Mir fliegt das so zu. So einen Preis, den stecken wir im Vorbeigehen ein!

Gabriel lacht wie ein Grünspecht. ’N bisschen peinlich.

„Mach ma’ so!“, sage ich, reibe meine Finger über die Zähne und lache wie ein Esel. Selber peinlich. Völlig egal.

„Ich hab ’ne Eingebung!“, brüllt Gabriel.

„Nur eine?“

„Komm mit!“, sagt er und zieht mich durch die Gegend. Wir rempeln ein paar Leute an dabei. Meine Bewegungen erzeugen, glaube ich, Sternenstaub. Muss geil aussehen. Gut, dass er nicht mehr nach meiner Hand greift. Hat er am Anfang so gemacht. Beim ersten Preis sogar auf der Bühne. Schwule Fotos. Konnte man nicht in den asozialen Netzwerken teilen. Ich spüre mich bis in die Haarspitzen. Das ist eine Hammer Frisur auf meinem Kopf. FIOUW, ein Schwung wie von Matisse gepinselt.

„Schaffst du es, den Nagel zu verkaufen? An den da?“

Rosenthaler Platz. Irgend so ’n abgewichster Penner. Durchsucht gerade die Mülltonnen vor dem Dönerladen.

„Alter, ich will den gar nicht verkaufen! Ich hau mir damit irgendwann das Leben aus der Birne!“

„Dann verkauf ihm eben meinen!“

Hält mir seinen bescheuerten Preis entgegen und feixt.

 

„Wieso war das Licht bei der Verleihung so scheiß blau?“, fragt er.

„Damit die Verlierer sich keinen Schuss setzen können.“, antworte ich. Eine Hand klopft auf meine Schulter, die andere hält mir das Ding vor das Gesicht.

„Iss ja gut.“

Selbstverständlich kann ich jedem alles verkaufen. Ich könnte diesem Verlierer da seine eigenen Füße verkaufen!

 

Ich nehme seinen Nagel.

„Ist dein Ernst?“, frage ich noch mal nach.

Er nickt. „Nächstes Jahr kriegen wir eh wieder so einen. Im Gegensatz zu dir habe ich auch schon drei.“

„Noch keinen goldenen!“, widerspreche ich. Blöder Affe! Ich bekomme ja erst seit kurzem die großen Aufträge. Und hab direkt ’nen goldenen Nagel abgesahnt. Keiner in der Agentur hat das vor mir geschafft. Er weiß das. Ich weiß das. Wenn es drauf ankommt, sind wir keine Freunde mehr. Das ist dem Feigling völlig klar!

 

„Junger Mann!“ Ich glaube, meine Nase läuft. Auf jeden Fall juckt sie. „Wenn die Nase juckt, erwartet einen Geld“ hat meine Oma früher immer gesagt. Ich bin schon wieder so gut drauf. So Typen wie diesen Obdachlosen verstehe ich einfach nicht. Er fühlt sich auch gar nicht angesprochen von mir. „Junger Mann!“ versuche ich es erneut. Er dreht sich um. Ich bin noch auf der Straße. Ich nehme einen Schluck aus meinem Flachmann. Seine Blicke folgen besoffen dem glänzenden Silber in meiner Hand. Ich reibe meine Nase. „Was machst ’n du da?“, frage ich ihn.

„Ordnung?“, fragt er und sieht mich an wie ein kleiner Junge. Hab ihn erwischt mit den Fingern unter der Decke. Guckt so, als ob es mal Vertraulichkeit zwischen uns gegeben hätte. Seltsamer Kauz. Hält der mich für das Ordnungsamt?

„Das geht doch viel besser mit ’nem Müllpieker“. Ganz selbstverständlich.

Er fragt „Müllpieker?“ und nickt dabei. Was denn jetzt?!

„Ja sicher, Alter! Hast du denn etwa keinen?“

Ich weiß gar nicht, ob der nickt. Der wackelt halt mit dem Kopf. Wie ein Wackeldackel. Bringt mich auf eine gute Idee für einen viral. Was für eine geile Merchandise-Idee auch! Wackelpenner! Für nike könnte man so was ausprobieren. Ich lache mich tot, wenn ich an die ganzen Kunden denke mit ihren Wackelpennern in den Händen! Muss ich Gabriel gleich unbedingt erzählen! „Dein Körper will sich bewegen! Unterdrück ihn nicht, lebe ihn“ Irgendwas in die Richtung. Ich hab Flipperkugeln im Kopf. Gleich ma’ weg hier! Will mehr Koks.

„Wieso hab ich so was nicht?“, fragt er mich.

„Ja, weiß ich doch nicht, Kollege!“

Ich halte ihm den Nagel hin. Maximal einfach. Er greift zu, hält ihn prüfend vor die Augen. Kopf wackelt immer noch. Nehm’ ich ’nen Schluck aus dem Flachmann, ist er abgelenkt. Hätta’ wohl gerne. Kanna’ ma’ schön knicken!

„Das ist ein sehr besonderes Exemplar“, bemerkt er.

„Naja logisch. Iss’ die Goldedition.“

Er wiederholt: „Goldedition, ja. Gold.“

„Das ist echtes Gold, mein Freund. Massiv! Die anderen kannste’ vergessen, aber der Pieker holt noch die letzte Stulle vom Boden der Tonne.“

Nickt. Jetzt wirklich.

„Ich weiß“, sagt er.

„Der goldene kann sogar Glas!“, behaupte ich und reibe meine Nase.

„Komm, gib ma’ her, Alter!“ Er reicht mir den Nagel.

Ich bücke mich zu einer Flasche neben seinem Bein, führe den Nagel ein und hebe sie hoch. TA-DA!

Er wackelt, er nickt, er wackelt.

„Der hat dreitausend Euro gekostet.“

Sack zuschnüren. Hab gar keinen Bock mehr.

„Ich muss gehen.“ Ich halt ihm die Flasche hin, er greift zu. Erst wegwenden, dann Inspektor-Columbo-artig umschwenken.

„Weißt du was?“ Er wirkt müde. Vielleicht hatta’ ja schon durch meine kurze Wendung vergessen, dass wir uns bereits unterhalten haben.

„Ich geb’ ihn dir für fünf. Wenn Du mir fünf Euro gibst, gehört das Baby dir.“

„Ich habe nur zwei.“

Jetzt kratzt sogar schon mein Hals. Wenn ich nicht bald ’ne line nehme, werde ich speziell. Augen suchen Gabriel und finden ihn bei der im roten Kleid. Dieser miese kleine Köter. „Jajaja. Gib mir zwei.“

Als er sie mir reicht und ich seine aufgerissenen dreckigen Hände sehe, verzichte ich. Die zwei Euro fallen hinab und kullern über den Boden.

„Ich schenk ihn dir!“ und wende mich ab. Er schmeißt sich hinter mir hin, höre ich. Für zwei Euro! Den Nagel lege ich sachte hin im Gehen. Auf dem Boden ist der Kerl ja eh schon.

 

Rotes Kleid, runde Knöchel, Gabriel kichert, ich kotze Knochen. Ich habe Augen wie Fleischwölfe. Hack-hack-hack! Das letzte – Zack – in ihre Augen und sie schaut bereit aus. Entsetzt und ergeben.

Gabriel ruckelt als ich an ihn stoße während mein Stirnhaar mir wie Meerjungfrauen durch das Gesicht schwebt. Genau, die Wackelpenner! Nicht vergessen.

„Komm jetzt!“, sage ich. „Soho House.“

Seine Entschuldigung in ihre Richtung sind große Augen und hochgezogene Schultern. Sie lacht verunsichert. Sieht mich an. Gabriel merkt das nicht.

 

„Du hast gar nicht hingesehen, Du Affe!“

„Was denn noch mal?“

„Dein Preis??? Ich hab ihm den Penner für fünf Euro gegeben.“

„Ach, krass, ja! Vergessen!“ Lacht.

Vorbei. Die Essenz bleibt. Wackelpenner. Werd’ ich Montag dran denken.

 

„Ist das hier noch die Torstraße?“, fragt er.

„Nee, das ist jetzt ein applestore, Gabriel! Lass’ ma’ da reingehen.“

Zeige auf einen Innenhof. Hab dieses ätzende Ziehen.

Auf der kleinen schwarz glänzenden Dose steht Enjoy. Gabriel öffnet sie geschickt mit einer Daumenbewegung und grinst dazu.

Zu ungeduldig, überall dieses Ziehen, greife einfach rein und steck mir was von dem weißen Zeug in die Nase.

„Alter, gleich kriegst du Nasenbluten!“ Zucke meine Schultern, zu umständlich dieses Zeug.

Der Rest auf die Zähne. Gabriel will, dass ich sein Portemonnaie für ihn halte, damit er sich darauf eine line bauen kann.

„Das Gesicht von Torsten bei der Preisverleihung!“, fällt mir ein. Ich lache.

„Halt still, Mann!“

„Kein Nagel für den armen Handwerker. Ist doch traurig. Wo er doch alles immer so verdammt richtig macht.“

Ich könnte für immer so weiterreden, fühle mich gigantisch.

„Quasi von der Pike auf. Pike! Da fällt mir wieder ein, – Wackelpenner, Gabriel.“

„Boah, still halten. Geht das nicht???“

„Nicht für die Wackelpenner! Soviel steht fest. Ja, ist ja gut. Sorry! Wie hieß die Spanierin?“

Er beugt sich zu dem Koks, zieht es durch seine Nase. Iss’ mir n’ bisschen unangenehm. Könnte man sonst was denken, wenn man uns so sieht.

„Ich muss was trinken“ als er wieder hochkommt. „Welche Spanierin?“

Ich nehme den letzten Schluck aus dem Flachmann und drehe ihn vor seiner Nase um.

„Lass uns endlich feiern gehen!“

„Oh nein“ brummt er, macht dabei so eine Bewegung mit dem Oberkörper in meine Richtung und verliert das Gleichgewicht. Ich hab’s nicht gesehen. Seh’ immer noch kaum was. Viel zu dunkel in dem Hof. Ich sehe das Koks aber. Das sticht heraus. Und der dunkle Fleck, der sich daneben bewegt ist Gabriel. Koksende = Partyschluss.

„Scheiße!“, zischt er.

„Hast du alles fallen lassen?“

„Lass mich in Ruhe, Thomas!“

Ich halte ihm die Hand hin, er steigt alleine wieder auf und schlägt sich den Dreck von den Klamotten.

„Wo ist mein Nagel?“, fragt der jetzt.

„Willst du mich verarschen, Gabriel? Den habe ich eben für fünf Euro an einen Penner verkauft!“

„Ach ja. Gib mir mein Geld!“

 

Das kleinste was ich finde ist ein Zehner, gebe ich ihm, er guckt wie ein Wolf. Vielleicht ist das auch nur das Funkeln seiner Augen in der Dunkelheit.

„Hattest du nicht eben fünf gesagt?“, fragt er, nimmt das Geld nicht an.

„Der hatte nur zwei. Ich hab’ ihm den Nagel für zwei gegeben, weil ich die Lust verloren habe, als du gar nicht zugeschaut hast. Ich hätte ihm den scheiß Preis auch für zehn verkaufen können!“

„Dann gib mir die zwei!“, verlangt er.

Hab ich nicht. Ich hab gar kein Kleingeld. Musste ja noch nix ausgeben heute.

„Hab ich ihm erlassen.“

„Alter, Thomas!“

„Was?“

Er lacht wie ein Flusspferd.

„Du bist nicht nur ein schlechter Verkäufer, sondern auch noch ein schlechter Lügner. Was machst du eigentlich in der Werbung?“

Kriegt sich gar nicht mehr ein, nimmt mein Geld immer noch nicht.

„Was hältst du davon, wenn du zurückgehst und den Nagel für diesen Zehner zurückkaufst.“

Braucht seine Hände, um auf die Schenkel zu schlagen, ich stecke mein Geld ein. Fühle die Adern an meiner Stirn und weiß, dass sie mit Gift gefüllt sind. Wenn sie explodieren, verätzen sie sein Gesicht.

„Oranienburger“, sage ich.

„Onanieburger!“ antwortet er. Wir lachen zusammen wie ein ganzer Zoo.

 

Wir haben genug gefeiert. An der Oranienburgerstraße stehen Frauen zum Selberpflücken. Leuchten wie Blumen mit ihren Neon Strumpfhosen oder weißen Korsagen. Fast alle sind blond, fast alle gefärbt. Sehen so billig aus, wie sie zu haben sind. Sind wohl die Analogie zu Blumen aus Mexiko auf dem Floristenmarkt. Ich fühle den Zehner in meiner Hosentasche. In der anderen mein pralles Portemonnaie. Dazwischen Bärenstärke. Reiche grinsend den Zehner an Gabriel.

„Was kriegst du dafür?“ Ziehe die Nase hoch.

Er nimmt das Ding, bewegt sich wie ein Mähdrescher auf die Mädchen zu. Ich stemme eine Hand in die Hüfte, wirft den Blick auf mein heldblaues Hemd frei. Meine Straße. Meine Stadt.

 

Mein Mähdrescher spricht mit zwei Blonden. Eine dreht sich weg, die andere sieht verbissen aus. Schüttelt den Kopf, er legt eine Hand auf ihre Schulter. Sie überlegt. Gabriel dreht sich zu mir, zwinkert. Sie nickt.

Kommen zu mir, ich ziehe die Nase hoch. Nochmal, wische über mein Zahnfleisch.

„Für einen Zehner tauscht sie mit dir den Kaugummi“, freut Gabriel sich.

Sie lächelt. Ein Stein auf ihrem Backenzahn. Wie Zahnspange.

„Du kannst meinen haben“, sage ich. „Tauschen will ich nicht.“ Sie nickt. Ich greife ihren Nacken und ziehe ihren Mund an meinen. Schmecke süßen klebrigen Lipgloss und schiebe ihr meinen Gummi in den Mund. Ihre Zunge ist kurz. Beiße ihre Unterlippe, stoße sie von mir. Gabriel gibt ihr den Zehner, sie macht lächelnd eine Kaugummiblase.

„Gib ’nen neuen!“, sage ich. Reicht mir einen neuen Gummi.

„Ich kann es dir richtig besorgen“, verspreche ich.

„Das wette ich. Sollen wir zu dir fahren oder in ein Hotel, mein Schöner?“

„Zu mir natürlich. Ich zahl doch nicht dafür.“

„Das wirst du aber müssen“ findet die.

Puffe Gabriel in die Seite, lache mit ihm.

„Ich?“ auf die ungläubige Art gefragt.

„Vor dir steht der preisgekrönte Thomas Merk“, sagt der Gabriel.

Hole den Nagel aus meiner Arschtasche, halte ihn ihr vor die Nase.

„Ich könnte es dir mit meinem Preis besorgen.“

Sie entfernt das Ding aus ihrem Gesicht.

„Für 50 Euro kein Problem, mein Lieber.“

Wir lachen sie aus. Wie früher in der Grundschule. Mädchen sind so doof.

„Du bist echt billig“, urteilt Gabriel.

„Iss’ gut, Jungs! Dann macht euch einfach noch einen schönen Abend. Und herzlichen Glückwunsch zu deinem Preis, Thomas.“

Spuckt den Gummi aus und dreht sich um.

„Pah!“ Denkt dass ist nur ein Wort, aber es war eine Waffe. Hab ihr den Gummi in die Haare geschleudert. Sie geht zu der anderen schäbigen Blume zurück. Gucken angewidert und reden.

„Haste’ gesehn’?“, frage ich. Gabriel nickt grinsend.

Um die Ecke ist unsere Agentur.

„Ich hab ’ne Flasche Grey Goose im Büro“, sagt Gabriel.

„Lass uns im Büro pennen“, antworte ich.

Zu Ihrer Sicherheit

 

Verherte/r HeldIn,

 

Herzlich Willkommen in Deinem neuen Leben! Du hast Dich entschieden, der Menschheit zu dienen und durch Dein Engagement und Deinen Mut unsere Sicherheit zu wahren. Dein Einsatz ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Courage und Entschlossenheit zeichnen Dich aus, Deine Ehre und die Sicherheit der neuen Welt sind der Lohn, den Du Dir im Überfluss verdienst. Wir freuen uns, Dich im Kreise der LebensbewahrerInnen begrüßen zu dürfen und wollen Dir in diesem Schreiben mehr über Deine neuen Tätigkeiten verraten und einen Überblick über die wichtigsten neuen Funktionen deines Arbeitsgerätes geben.

 

Bleib online!

 Wenn Du eine Frau bist, sind für Dich alle Erklärungen des Model Beta CorpXX bestimmt, bist Du ein Mann richtest Du Dich bitte nach den Instruktionen für Beta CorpXY.

Die cyberkenetischen Module befinden sich mit Euch noch in der Testphase und stellen eine Basis dar, die wir mit Eurer Hilfe weiterentwickeln werden. Die neue Technik ist darum noch recht anfällig für Störungen, die wir im Laufe der weiteren Zusammenarbeit rasch ausräumen werden. Dabei sind wir auf Eure unbedingte Kooperation und Verfügbarkeit angewiesen. Schalte darum die Verbindung zum Server niemals ab! Nur mit Deiner Hilfe ist es uns möglich, alle Schwachstellen im System zu beseitigen und Euch vor feindlichen Eingriffen in Euer Netzwerk zu beschützen.

 

Sei aufmerksam!

 Alles, was Du siehst, wird über die Kamera in Deinem Auge an die Zentrale übermittelt und dort aufgezeichnet. Achte also bitte darauf, dass Du fokussierst. Beim Abfilmen von Verträgen oder der Überwachung stelle sicher, dass Du die Zielperson oder das entsprechende Dokument mittig betrachtest. Die überarbeiteten Schärfeeinstellungen können zu Beginn noch leichte Kopfschmerzen oder Übelkeit auslösen. Stelle darum sicher, dass Du immer genügend trinkst und Elektrolyte zu Dir nimmst. Nutze dazu die Präparate oder hilf Dir mit Natriumchlorid oder kaliumhaltigen Lebensmitteln. Besonders kaliumhaltige Nahrungsmittel sind viele Obst- und Gemüsesorten wie Bananen, Trauben, Pfirsiche und auch Trockenobst und Orangensaft. Außerdem Spinat, Petersilie, Kartoffeln und Salate. Eine vegetarische Ernährung ist zum jetzigen Entwicklungsstand der Betaversion unbedingt einzuhalten. Auftauchende körperliche Beschwerden sind sämtlich technischer Natur und können nicht durch medizinische Eingriffe beeinflusst werden. Solltest Du dennoch einen ärztlichen Rat gebrauchen, wende Dich bitte ausschließlich an unser medizinisches Fachpersonal. Stelle sicher, dass Du niemals in ein Krankenhaus oder eine ähnliche Notbehandlung gerätst.

Bitte achte darauf, dass das Mikrofon in Deinen Ohren mehr hören kann als Deine Ohren. Wenn Du also ein Gespräch hinter verschlossenen Türen belauschst, sorge dafür, dass in Deinem unmittelbaren Umfeld möglichst Ruhe herrscht und beeinflusse niemals die Aufnahmen, indem Du selbst Geräusche verursachst. Aus dem selben Grund trage bitte niemals andere Kleidung als die von uns zur Verfügung gestellte. Sie ist nahezu geräuschlos und das eingewebte Kupfer verstärkt die Leistung Deines Empfängers. Ein leichtes Ziehen innerhalb der Hörmuschel kann darauf hindeuten, dass das Mikrofon sich ausrichtet, weil es in der nicht einsehbaren Umgebung durch ein Signalwort eingeschaltet wurde. Sei wachsam und reagiere auf Vorgänge dieser Art mit absoluter Stille und Aufmerksamkeit.

Modell Beta CorpXY verfügt zusätzlich über ein Ultraschallmodul im Penis, welches durch Erektion aktiviert werden kann. Übe schon allein darum den Akt bitte nur mit weiblichen Zielpersonen aus. Denk daran, dass Dein Körper nicht länger Privateigentum darstellt.

 

Sei einzigartig!

Mit Deiner Unterschrift und dem Annehmen der Implantate hast Du akzeptiert, dass Dein Körper in Staatseigentum übergegangen ist. Die hochwertige Hardware sowie ihr Wirt sind Eigentum der neuen Welt. Weder das Model Beta CorpXY noch das Model Beta CorpXX sind reproduktionsfähig und derlei Wirkung ist nicht vorgesehen. Bitte beachte, dass die Modelle der Betaversion noch zu humanen emotionalen Regungen in der Lage sind. Darum ist es von immenser Wichtigkeit, regelmäßig am Bildungsmodul Emotionalität teilzunehmen. Die ständige Schulung im Umgang mit dem Auftauchen emotionaler Impulse sichert das Ausschließen von Fehlfunktionen, die wir mit Version 2.0 ausgeräumt haben werden.

Auf Euer Umfeld werdet Ihr wie ihresgleichen wirken. Diese Wirkung ist vorgesehen und muss unter allen Umständen aufrecht erhalten bleiben. Verstärkt diesen Eindruck durch individuelle Lebensgeschichten. In der App praktisches Leben findet ihr einen Generator, der euch unter Eingabe der Parameter Eurer KonversationspartnerInnen entsprechende Biografien entwirft. Sprecht ausschließlich Gefühle aus, die euch die app durch Pushbenachrichtigungen mitteilt. Stellt keine Vertraulichkeiten über das Verwenden eigener Gefühle her. Bleib immer in Deiner individuellen Rolle!

 

Behalte die Oberhand!

Model Beta CorpXY verfügt auch über eine Waffe. Nutze diese stets zum Vorteil der neuen Welt. Du kannst diverse Präparate in den kleinen Beutel innerhalb Deines linken Hoden injizieren und eine Zielperson durch herkömmliche Ejakulation infizieren.

Das GPRS sorgt dafür, dass wir Euch immer finden können, wenn Ihr aus einer Notsituation geborgen werden müsst. Sollte während eines Einsatzes jede unserer Hilfen zu spät kommen, löse bitte rechtzeitig den Datenlöschvorgang aus. Schließe dazu Dein linkes Auge und denk an das Wort Formatierung. So, als würdest Du es sprechen. Um ganz sicher zu gehen, kannst Du das Wort auch tatsächlich laut aussprechen.

Zerstöre Dich im Notfall durch Betätigen der Notausschaltung, indem Du mit weit aufgerissenen Augen die Bedrohung anvisierst und laut schreist. Die Zentrale kann in diesem Fall mit sofortigem Ausschalten reagieren.

 

Vertrau uns!

Die Zentrale ist zu jeder Zeit über alles informiert, was sich in Deinem Umfeld abspielt. Du bist zu keinem Zeitpunkt allein und hilflos. Wir sind immer da, egal wo Ihr seid.

Fürchtet Euch nicht!

Grammatik der modernen deutschen Familie

Perfekt: Ich habe Kinder bekommen.

Die Kinder haben Marmelade auf den Parkettboden geschmiert. Das ist gut. Das ist mit ein paar Handgriffen erledigt. Beim letzten Mal haben sie mit Mandelmuss die Wände beschmiert. Da waren viele Handgriffe vonnöten. Maler haben sich des Problems angenommen. Maler, auf die ich wartete. Das ist mein Beruf. Ich bin Mutter.

Präsens: Ich bin Mutter.

Ich warte auf Männer. Ich warte auf Handwerker, Paketboten, darauf, dass meine Söhne von der Schule zurückkehren, auf Antwort von Herrn Haag vom Schulamt und auf meinen Mann. Als ich schwanger wurde, entschied ich mich, zu Hause bei den Kindern zu bleiben und mein Mann entschied sich, im Büro zu bleiben. Für immer, so scheint es mir heute. Ich glaube, dass er in Wahrheit dort wohnt und dass wir sein Job sind. Er ist sozusagen unser Manager und produziert unsere Marke.

Imperfekt: Ich lernte durch Mutterschaft eine Menge.

Der Lappen darf nicht zu feucht sein. Nebelfeucht heißt das in der Sprache der Hausfrauen. Das ist nicht ganz einfach. Zunächst darf frau nicht zu viel Feuchtigkeit auf den Lappen geben und beim anschließenden Wringen muss frau ihre ganze Manneskraft gebrauchen. Ich lebe seit 10 Jahren mit Kindern auf Parkett. Darin bin ich geübt. Ich bereite mir zwei nebelfeuchte Mikrofasertücher vor. In der Mikrofaser bleibt das Wasser übrigens besonders hartnäckig hängen. Anfängerinnen sollten mit einem Leder oder ähnlichem beginnen. Ich stülpe einen Spülhandschuh über, mit welchem ich die groben Reste aufheben kann. Ich nehme eine kleine antibakterielle Plastiktüte mit und fülle die orangene Klebrigkeit hinein. Ich habe übrigens einen Doktor in Mikrobiologie.

Maximilian schreit. Sie sind jetzt, glaube ich, in unserem Schlafzimmer. Das Heulen ist eines der hysterischen Art, wo frau gleich weiß, dass das jetzt kein echter Schmerz ist, sondern meine Aufmerksamkeit wecken soll. Maximilian erwartet, dass ich mich auf seine Seite schlage und Johann schimpfe. Und nun höre ich sie auch schon um die Wette rennen. Frau kennt das und man hat vielleicht eine Vorstellung, wenn er schon einmal plötzlich in eine Herde fliehender Antilopen geraten ist. Sie rennen auf dich zu und sie bremsen niemals ab. Es geht um ihr Leben und meins ist für sie gar nicht sichtbar.

Ich stehe auf und stelle mich ihnen vor dem Fleck mit weit geöffneten Armen entgegen wie ich es aus einem Lehrbuch habe, wie frau ihre Kinder gegen wilde Tiere verteidigen kann. Ein Überlebensbuch für Mütter.

Machen sie mit weit geöffneten Armen auf ihre Größe und Gefährlichkeit aufmerksam.

Ihre Augen weiten sich noch mehr. Offenbar wird ihnen gerade bewusst, wie stark sie auf ihre große gefährliche Mutter prallen werden. Johann greift nach meinem Hosenbein und geht zu Boden. Ich kann mich am Esstisch halten, aber Maximilians Körper plumpst wie ein gefüllter Marinesack einfach um und knallt mit seinem Kopf gegen den seines Bruders. Beide weinen. Echtes Weinen. Die schrillen Töne scheppern durch meinen Kopf, dass ich das Gefühl habe, mein Hirn würde vibrieren.

Plusquamperfekt: Bevor ich Mutter war, wusste ich nicht, dass ich hauptsächlich den Verzicht auf mich selbst üben würde.

Auch das ist Routine. Ich habe mir in meiner Studienzeit immer gewünscht, in einem Krankenhaus zu arbeiten. In der Krebsforschung wollte ich landen. Aber wir besuchen leider immer nur die Notaufnahme. Frau nimmt sich hierfür am besten viele tröstende Gegenstände und Nahrungsmittel für Kinder mit und ein Buch für sich selbst. Sie wird das Buch nicht lesen, aber sie sollte immer die Illusion aufrecht halten, dass sie auch noch dazu käme, etwas für sich selbst zu tun. In Wahrheit wird das nie wieder der Fall sein, aber wenn der Schein hier das einzige zu holen ist, sollte frau ihn sich einstecken. Ich atme ein und halte die Luft an. Aus atme ich erst wieder als wir alle im Audi verstaut sind. Ich habe eine kleine Reisetasche auf dem Beifahrersitz, die Kinder haben einen provisorischen Verband um ihre Kopfverletzungen gewickelt. Maximilian schluchzt nur noch und hapst zwischendurch nach Luft. Seine kleine Engelslippe zittert und ist feucht und schmal. Der Große heult immer noch laut und durchaus auch hysterisch. Das Heulen hat sich aber inzwischen mit jenem vermengt, das bloß Aufmerksamkeit erzeugen soll.

„Alles wird gut!“, sage ich und schmeiße den Wagen an.

„Wann?“, schluchzt Johann theatralisch.
„Nächste Woche!“, antworte ich noch bevor ich weiß, dass ich antworten würde.

Hätte Roman den Kindern auch nur eins der Roald Dahl Bücher vorgelesen, die er ihnen ständig schenkt, wüsste er wohl, dass sein Geld gar nicht leisten kann, was wir brauchen. „Nächste Woche!“, sagt mein Mann jetzt seit acht Jahren. Seit Maximilian auf die Welt kam und Roman befördert wurde. Mir fällt ein anderer Ratgeber ein.

Im Falle eines Unfalls sollten sie ihr Kind stets gemeinsam zur Notaufnahme begleiten. Einer behält den Überblick, die andere das Kind an der tröstenden Hand.

Futur 1: Alles wird gut

Roman würde gerne noch ein Kind bekommen. Ich kann mir ein Drittes nicht vorstellen. Wer soll es denn an der Hand halten? Maximilian hat sich inzwischen vom Brummen des Motors beruhigen lassen. Er sieht still aus dem Fenster. Johann ist immer noch aufgebracht. Es wird ihm nun wichtig zu betonen, dass Maximilian an allem Schuld ist. Maximilian schaut kurz zu seinem Bruder, als er seinen Namen hört, dann sieht er wieder aus dem Fenster. Meine Augen greifen, sooft es mir beim Fahren möglich ist, nach Johanns Augen im Rückspiegel.

„Alles wird gut!“, wiederhole ich.
„Mama?“, fleht Johann, wenn ich seine Augen loslassen muss.

„Maaaaa-maaaa!!!“, brüllt er, als ich eine Weile nicht zu ihm sehen kann. Ich fahre rechts ran und drehe mich zu den Kindern. Maximilian sieht mich nur ganz kurz an, dann wieder aus dem Fenster. Sein Verhalten ist passiv und abwesend. Er wirkt auf mich wie ein fremdes Kind. Johann weint meinen Titel. „Mahahamihi!“ und er streckt seine Arme nach mir aus. Ich muss mich verrenken, um ihn zu erreichen und zwischen meinen Rippen beginnt es zu brennen.

„Du musst bei mir bleiben, Mama! Du musst mich festhalten! Du musst mich für immer festhalten!!!“

Futur 2: Ich werde die meiste Zeit meines Lebens eine Mutter gewesen sein.

In der Notaufnahme warten wir über zwei Stunden. Maximilian liegt auf meinem Arm, sein Gesicht ist bleich und er hat kalten Schweiß auf der Stirn. Zweimal hat er sich übergeben. Ein Pfleger hat inzwischen Pappbehälter für Kotze neben uns aufgestapelt. Johann scheint es gut zu gehen. Er schreit mich immer wieder an und trachtet ohne Unterlass nach meiner Aufmerksamkeit. Frau kann in so einem Augenblick nichts machen. Frau muss atmen und geduldig bleiben. Ich sorge mich um Max, in dessen Körper kein einziger Muskel mehr zu existieren scheint.

„Mir ist langweilig!“, jammert Johann immer wieder und er heult, dass er nach Hause will.
„Darf ich zu Hause einen Film gucken?“, fragt er.
„Ich weiß es noch nicht, Johann.“

„Also nein! Darf ich dann wenigstens ins Internet?“
„Johann, bitte! Lass uns zu Hause darüber sprechen, was wir zu Hause machen. Deinem Bruder geht es sehr schlecht.“
„Maxi ist Schuld! Und er hat schon wieder meine Höhle kaputt gemacht!“

Ich schließe meine Augen, um sie heimlich zu verdrehen. Manchmal stelle ich sie mir als erwachsene Männer vor, wie sie ihre Frauen fragen, ob sie zu Hause fernsehen dürfen oder ein Hörspiel hören. Die Vorstellung, dass sie diesen Frauen auch sagen, dass sie nun fernsehen gehen und dass sie nächste Woche wieder mehr Zeit haben, bringt mich je nach meiner Verfassung zum Lachen oder Weinen.

Infinitiv: Ich kann alles schaffen!

Johann hat gar nichts. Wie ich es erwartet hatte. Nicht einmal eine Platzwunde. Nur ein kleiner Kratzer an der Stirn. Maximilian hat eine Gehirnerschütterung und eine Platzwunde, die genäht werden musste. „Du kannst zu Hause eine Stunde Kinderfernsehen gucken!“, sage ich leise zu Johann und dann hebe ich Max hoch und trage ihn zum Auto.

„Ich habe auch Kopfschmerzen!“, sagt Johann und ich streichle ihm durch ’s Haar.
„Armer Schatz!“, sage ich und helfe ihm ins Auto. Maximilian hole ich das Nackenkissen aus dem Kofferraum und stülpe es über seinen Kopf. Ich streiche ihm die Haare aus dem Gesicht und küsse seine Stirn.

„Armer Hase. Alles wird wieder gut werden.“, verspreche ich.

Infinitiv passiv: Sie werden mich alle schaffen!

Roman sitzt auf dem Sofa, als wir nach Hause kommen und sagt Johann, dass er jetzt nicht fernsehen könne. Der fängt ohne Umschweife mit seinem Geheule an. Ich bringe Maximilian nach oben in sein Zimmer und lege ihn auf das kleine blaue Sofa.

„Was möchtest Du trinken, Schatz?“, frage ich ihn und
„Hast Du Hunger?“
Seine Stimme klingt ganz schwach, als er antwortet, dass er keinen Hunger hat.
„Ich mache Dir eine Brühe!“, sage ich und „Ich bin gleich wieder da.“
Aus der Küche höre ich Johanns hysterisches Geschrei und Roman, wie er ihn anbrüllt, dass er nicht so herum schreien soll. Ich setze den Wasserkocher in Betrieb und spüle Romans Teller vom Abendessen ab. Als das Wasser heiß ist, gieße ich die Brühe auf und stelle sie zum Abkühlen in ein Wasserbad. Ich höre, dass Roman und Johann sich nähern.
„Wo ward ihr so lange?“, fragt er mich ohne Begrüßung.
„Im Krankenhaus.“
„Johann kann jetzt nicht fernsehen. Ich möchte im Wohnzimmer den Quartalsbericht lesen.“
„Du kannst ü-ber-all lesen!“, beschwert sich Johann und sieht mich hilfesuchend an.
„Ich kümmere mich jetzt erst um Max“, antworte ich und nehme mir die Brühe.
Ich höre nur noch, dass Roman ihm erklärt, dass es sein Wohnzimmer sei und dass man als Besitzer darüber bestimmen darf. Hat Johann vielleicht Romans Höhle kaputt gemacht?, frage ich mich.
Maximilian liegt mit geschlossenen Augen da. So unschuldig und still. Ich kuschle mich zu ihm und streichle ihn. Irgendwann nicke ich einfach weg und erwache davon, dass Johann und Roman im Türrahmen stehen.
„Nun sag doch bitte auch einmal was, Martina!“, fordert Roman mich auf.
„In Ordnung.“, sage ich.
„Wir kommen aus dem Krankenhaus. Dein Sohn mit dem du dich gerade nicht herumstreitest, hat eine Gehirnerschütterung. Johann, geh jetzt bitte endlich fernsehen und Roman lies Deinen Bericht irgendwo. Bitte lasst Maximilian jetzt schlafen.“
Johann rennt japsend davon, Roman sagt: „Oh.“ Und macht einen Schritt auf uns zu.

„Das kann man ja nicht wissen!“, sagt er und ich nicke dazu. „Richtig. Davon hat man überhaupt gar keine Vorstellung!“

Dieser Text gewann NICHT den nordhessischen Literaturpreis.