Grammatik der modernen deutschen Familie

Perfekt: Ich habe Kinder bekommen.

Die Kinder haben Marmelade auf den Parkettboden geschmiert. Das ist gut. Das ist mit ein paar Handgriffen erledigt. Beim letzten Mal haben sie mit Mandelmuss die Wände beschmiert. Da waren viele Handgriffe vonnöten. Maler haben sich des Problems angenommen. Maler, auf die ich wartete. Das ist mein Beruf. Ich bin Mutter.

Präsens: Ich bin Mutter.

Ich warte auf Männer. Ich warte auf Handwerker, Paketboten, darauf, dass meine Söhne von der Schule zurückkehren, auf Antwort von Herrn Haag vom Schulamt und auf meinen Mann. Als ich schwanger wurde, entschied ich mich, zu Hause bei den Kindern zu bleiben und mein Mann entschied sich, im Büro zu bleiben. Für immer, so scheint es mir heute. Ich glaube, dass er in Wahrheit dort wohnt und dass wir sein Job sind. Er ist sozusagen unser Manager und produziert unsere Marke.

Imperfekt: Ich lernte durch Mutterschaft eine Menge.

Der Lappen darf nicht zu feucht sein. Nebelfeucht heißt das in der Sprache der Hausfrauen. Das ist nicht ganz einfach. Zunächst darf frau nicht zu viel Feuchtigkeit auf den Lappen geben und beim anschließenden Wringen muss frau ihre ganze Manneskraft gebrauchen. Ich lebe seit 10 Jahren mit Kindern auf Parkett. Darin bin ich geübt. Ich bereite mir zwei nebelfeuchte Mikrofasertücher vor. In der Mikrofaser bleibt das Wasser übrigens besonders hartnäckig hängen. Anfängerinnen sollten mit einem Leder oder ähnlichem beginnen. Ich stülpe einen Spülhandschuh über, mit welchem ich die groben Reste aufheben kann. Ich nehme eine kleine antibakterielle Plastiktüte mit und fülle die orangene Klebrigkeit hinein. Ich habe übrigens einen Doktor in Mikrobiologie.

Maximilian schreit. Sie sind jetzt, glaube ich, in unserem Schlafzimmer. Das Heulen ist eines der hysterischen Art, wo frau gleich weiß, dass das jetzt kein echter Schmerz ist, sondern meine Aufmerksamkeit wecken soll. Maximilian erwartet, dass ich mich auf seine Seite schlage und Johann schimpfe. Und nun höre ich sie auch schon um die Wette rennen. Frau kennt das und man hat vielleicht eine Vorstellung, wenn er schon einmal plötzlich in eine Herde fliehender Antilopen geraten ist. Sie rennen auf dich zu und sie bremsen niemals ab. Es geht um ihr Leben und meins ist für sie gar nicht sichtbar.

Ich stehe auf und stelle mich ihnen vor dem Fleck mit weit geöffneten Armen entgegen wie ich es aus einem Lehrbuch habe, wie frau ihre Kinder gegen wilde Tiere verteidigen kann. Ein Überlebensbuch für Mütter.

Machen sie mit weit geöffneten Armen auf ihre Größe und Gefährlichkeit aufmerksam.

Ihre Augen weiten sich noch mehr. Offenbar wird ihnen gerade bewusst, wie stark sie auf ihre große gefährliche Mutter prallen werden. Johann greift nach meinem Hosenbein und geht zu Boden. Ich kann mich am Esstisch halten, aber Maximilians Körper plumpst wie ein gefüllter Marinesack einfach um und knallt mit seinem Kopf gegen den seines Bruders. Beide weinen. Echtes Weinen. Die schrillen Töne scheppern durch meinen Kopf, dass ich das Gefühl habe, mein Hirn würde vibrieren.

Plusquamperfekt: Bevor ich Mutter war, wusste ich nicht, dass ich hauptsächlich den Verzicht auf mich selbst üben würde.

Auch das ist Routine. Ich habe mir in meiner Studienzeit immer gewünscht, in einem Krankenhaus zu arbeiten. In der Krebsforschung wollte ich landen. Aber wir besuchen leider immer nur die Notaufnahme. Frau nimmt sich hierfür am besten viele tröstende Gegenstände und Nahrungsmittel für Kinder mit und ein Buch für sich selbst. Sie wird das Buch nicht lesen, aber sie sollte immer die Illusion aufrecht halten, dass sie auch noch dazu käme, etwas für sich selbst zu tun. In Wahrheit wird das nie wieder der Fall sein, aber wenn der Schein hier das einzige zu holen ist, sollte frau ihn sich einstecken. Ich atme ein und halte die Luft an. Aus atme ich erst wieder als wir alle im Audi verstaut sind. Ich habe eine kleine Reisetasche auf dem Beifahrersitz, die Kinder haben einen provisorischen Verband um ihre Kopfverletzungen gewickelt. Maximilian schluchzt nur noch und hapst zwischendurch nach Luft. Seine kleine Engelslippe zittert und ist feucht und schmal. Der Große heult immer noch laut und durchaus auch hysterisch. Das Heulen hat sich aber inzwischen mit jenem vermengt, das bloß Aufmerksamkeit erzeugen soll.

„Alles wird gut!“, sage ich und schmeiße den Wagen an.

„Wann?“, schluchzt Johann theatralisch.
„Nächste Woche!“, antworte ich noch bevor ich weiß, dass ich antworten würde.

Hätte Roman den Kindern auch nur eins der Roald Dahl Bücher vorgelesen, die er ihnen ständig schenkt, wüsste er wohl, dass sein Geld gar nicht leisten kann, was wir brauchen. „Nächste Woche!“, sagt mein Mann jetzt seit acht Jahren. Seit Maximilian auf die Welt kam und Roman befördert wurde. Mir fällt ein anderer Ratgeber ein.

Im Falle eines Unfalls sollten sie ihr Kind stets gemeinsam zur Notaufnahme begleiten. Einer behält den Überblick, die andere das Kind an der tröstenden Hand.

Futur 1: Alles wird gut

Roman würde gerne noch ein Kind bekommen. Ich kann mir ein Drittes nicht vorstellen. Wer soll es denn an der Hand halten? Maximilian hat sich inzwischen vom Brummen des Motors beruhigen lassen. Er sieht still aus dem Fenster. Johann ist immer noch aufgebracht. Es wird ihm nun wichtig zu betonen, dass Maximilian an allem Schuld ist. Maximilian schaut kurz zu seinem Bruder, als er seinen Namen hört, dann sieht er wieder aus dem Fenster. Meine Augen greifen, sooft es mir beim Fahren möglich ist, nach Johanns Augen im Rückspiegel.

„Alles wird gut!“, wiederhole ich.
„Mama?“, fleht Johann, wenn ich seine Augen loslassen muss.

„Maaaaa-maaaa!!!“, brüllt er, als ich eine Weile nicht zu ihm sehen kann. Ich fahre rechts ran und drehe mich zu den Kindern. Maximilian sieht mich nur ganz kurz an, dann wieder aus dem Fenster. Sein Verhalten ist passiv und abwesend. Er wirkt auf mich wie ein fremdes Kind. Johann weint meinen Titel. „Mahahamihi!“ und er streckt seine Arme nach mir aus. Ich muss mich verrenken, um ihn zu erreichen und zwischen meinen Rippen beginnt es zu brennen.

„Du musst bei mir bleiben, Mama! Du musst mich festhalten! Du musst mich für immer festhalten!!!“

Futur 2: Ich werde die meiste Zeit meines Lebens eine Mutter gewesen sein.

In der Notaufnahme warten wir über zwei Stunden. Maximilian liegt auf meinem Arm, sein Gesicht ist bleich und er hat kalten Schweiß auf der Stirn. Zweimal hat er sich übergeben. Ein Pfleger hat inzwischen Pappbehälter für Kotze neben uns aufgestapelt. Johann scheint es gut zu gehen. Er schreit mich immer wieder an und trachtet ohne Unterlass nach meiner Aufmerksamkeit. Frau kann in so einem Augenblick nichts machen. Frau muss atmen und geduldig bleiben. Ich sorge mich um Max, in dessen Körper kein einziger Muskel mehr zu existieren scheint.

„Mir ist langweilig!“, jammert Johann immer wieder und er heult, dass er nach Hause will.
„Darf ich zu Hause einen Film gucken?“, fragt er.
„Ich weiß es noch nicht, Johann.“

„Also nein! Darf ich dann wenigstens ins Internet?“
„Johann, bitte! Lass uns zu Hause darüber sprechen, was wir zu Hause machen. Deinem Bruder geht es sehr schlecht.“
„Maxi ist Schuld! Und er hat schon wieder meine Höhle kaputt gemacht!“

Ich schließe meine Augen, um sie heimlich zu verdrehen. Manchmal stelle ich sie mir als erwachsene Männer vor, wie sie ihre Frauen fragen, ob sie zu Hause fernsehen dürfen oder ein Hörspiel hören. Die Vorstellung, dass sie diesen Frauen auch sagen, dass sie nun fernsehen gehen und dass sie nächste Woche wieder mehr Zeit haben, bringt mich je nach meiner Verfassung zum Lachen oder Weinen.

Infinitiv: Ich kann alles schaffen!

Johann hat gar nichts. Wie ich es erwartet hatte. Nicht einmal eine Platzwunde. Nur ein kleiner Kratzer an der Stirn. Maximilian hat eine Gehirnerschütterung und eine Platzwunde, die genäht werden musste. „Du kannst zu Hause eine Stunde Kinderfernsehen gucken!“, sage ich leise zu Johann und dann hebe ich Max hoch und trage ihn zum Auto.

„Ich habe auch Kopfschmerzen!“, sagt Johann und ich streichle ihm durch ’s Haar.
„Armer Schatz!“, sage ich und helfe ihm ins Auto. Maximilian hole ich das Nackenkissen aus dem Kofferraum und stülpe es über seinen Kopf. Ich streiche ihm die Haare aus dem Gesicht und küsse seine Stirn.

„Armer Hase. Alles wird wieder gut werden.“, verspreche ich.

Infinitiv passiv: Sie werden mich alle schaffen!

Roman sitzt auf dem Sofa, als wir nach Hause kommen und sagt Johann, dass er jetzt nicht fernsehen könne. Der fängt ohne Umschweife mit seinem Geheule an. Ich bringe Maximilian nach oben in sein Zimmer und lege ihn auf das kleine blaue Sofa.

„Was möchtest Du trinken, Schatz?“, frage ich ihn und
„Hast Du Hunger?“
Seine Stimme klingt ganz schwach, als er antwortet, dass er keinen Hunger hat.
„Ich mache Dir eine Brühe!“, sage ich und „Ich bin gleich wieder da.“
Aus der Küche höre ich Johanns hysterisches Geschrei und Roman, wie er ihn anbrüllt, dass er nicht so herum schreien soll. Ich setze den Wasserkocher in Betrieb und spüle Romans Teller vom Abendessen ab. Als das Wasser heiß ist, gieße ich die Brühe auf und stelle sie zum Abkühlen in ein Wasserbad. Ich höre, dass Roman und Johann sich nähern.
„Wo ward ihr so lange?“, fragt er mich ohne Begrüßung.
„Im Krankenhaus.“
„Johann kann jetzt nicht fernsehen. Ich möchte im Wohnzimmer den Quartalsbericht lesen.“
„Du kannst ü-ber-all lesen!“, beschwert sich Johann und sieht mich hilfesuchend an.
„Ich kümmere mich jetzt erst um Max“, antworte ich und nehme mir die Brühe.
Ich höre nur noch, dass Roman ihm erklärt, dass es sein Wohnzimmer sei und dass man als Besitzer darüber bestimmen darf. Hat Johann vielleicht Romans Höhle kaputt gemacht?, frage ich mich.
Maximilian liegt mit geschlossenen Augen da. So unschuldig und still. Ich kuschle mich zu ihm und streichle ihn. Irgendwann nicke ich einfach weg und erwache davon, dass Johann und Roman im Türrahmen stehen.
„Nun sag doch bitte auch einmal was, Martina!“, fordert Roman mich auf.
„In Ordnung.“, sage ich.
„Wir kommen aus dem Krankenhaus. Dein Sohn mit dem du dich gerade nicht herumstreitest, hat eine Gehirnerschütterung. Johann, geh jetzt bitte endlich fernsehen und Roman lies Deinen Bericht irgendwo. Bitte lasst Maximilian jetzt schlafen.“
Johann rennt japsend davon, Roman sagt: „Oh.“ Und macht einen Schritt auf uns zu.

„Das kann man ja nicht wissen!“, sagt er und ich nicke dazu. „Richtig. Davon hat man überhaupt gar keine Vorstellung!“

Dieser Text gewann NICHT den nordhessischen Literaturpreis.
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2 Gedanken zu „Grammatik der modernen deutschen Familie

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